Home
Prozesse Vorschau
Prozesse aktuell
Prozesse Archiv
Mordfall Krampe
Andere Beiträge
Für den IB
Für den EVBB
Weitere
Schnappschüsse
Angebote
Linkliste
Impressum
Gästebuch
 

Die „Crash-Kids“ von Gródek

Der Internationale Bund aus Stralsund betreibt in Polen ein Integrationszentrum

Gruppenbild mit Plastik

Gruppenbild: Paul*, Konrad*, Kai Wallat, Valerie Spalleck, Katharina*, Stefanie*, Paweł Wenecki, Norbert Dorow und Friedericke*.

 

Am 17. März wurde Katharina* 18. Für die Feier erhielt sie eine Woche Urlaub. Sie reiste fast 1000 Kilometer bis in ihre Heimatstadt Stralsund, von Gródek nad Dunajcem aus. Seit Sommer 2006 lebt Katharina in dieser kleinen polnischen Gemeinde. Sie war die letzte Station einer Odyssee, die das junge, großgewachsene Mädchen seit ihrem sechsten Lebensjahr durch insgesamt 34 Einrichtungen der Jugendhilfe oder Pflegefamilien geführt hat.
Arbeitslosigkeit und finanzielle Not hatten ihre Familie 1995 nach Hohenlockstedt in Schleswig-Holstein getrieben, allerdings ohne den erhofften beruflichen Erfolg. Kaum eingeschult, gaben die überforderten Eltern das Mädchen in die Obhut des Jugendamtes. „Meine Mutter hatte früher auch ihre Probleme“, ist alles, was Katharina dazu sagen möchte.
Einem kurzen Aufenthalt in einer Bereitschaftspflegefamilie folgten zwei Jahren in einer Pflegefamilie. „Da bin ich raus, weil meine Pflegemutter mich geschlagen hat“, erinnert sich Katharina. Ihre großen, dunkelbraunen, sonst strahlenden Augen verbergen die schonungslose Wahrheit dieser zwei schlimmen Jahre hinter einem Schleier. Es folgten Jugendhof – wegkomplimentiert –, betreutes Wohnen – rausgeflogen –, mit zehn Jahren eine Therapie – abgebrochen. „Die Therapie sollte mir helfen, die Erlebnisse in der Pflegefamilie aufzuarbeiten. Aber sie hat alles wieder aufgewühlt. Da bin ich total neben mir gewesen und habe alles weitere abgewehrt“, erinnert sie sich und zieht ihre Sweatshirt-Ärmel weit über ihre Handgelenke. Sie hat nicht nur auf der Seele Narben…
Katharina galt schließlich als renitent, aggressiv und schwererziehbar. „Mein ganzes Leben bis dahin war Scheiße“, kommentiert sie diese Zeit.
Als ihre Familie – Mutter, Stiefvater, Halbbruder und eine Halbschwester – 2006 zurück nach Stralsund zog, musste Katharina mit, obwohl sie in Hohenlockstedt einen Freund hatte. Sie landete erneut beim Kinder- und Jugendnotdienst, der in der Hansestadt vom Internationalen Bund (IB) betrieben wird. Bereits nach wenigen Tagen dort hatte sie wieder „einen zu viel gekriegt“ und ist „ausgerastet“. Am nächsten Morgen sollte sie ihre Sachen packen. Erst an der Grenze erfuhr sie, wohin die Reise ging: nach Polen. Letzte Station einer verdorbenen Kindheit.


Ganzheitlich, milieufern, interkulturell

 

Katharina

Privatunterricht: Valerie Spalleck erläutert Katharina* englische Zeitformen.

 

 

Man muss lange fahren, um nach Gródek, einer Gemeinde in Kleinpolen, etwa 100 Kilometer südlich von Krakau, zu kommen. Malerisch säumt sie das Ufer des Dunajec-Stausees, und selbst im Winter ahnt man, wie sich sommers Touristenströme über die Gegend ergießen. Das Integrationszentrum, wie das „Deutsch-polnische Jugendhilfeprojekt“ kurz genannt wird, liegt am Südufer, mit direktem Zugang zum Wasser. Zwei Blocks für Unterkünfte – winzige ein-Zimmer-Appartements mit kleinem Duschraum und Küche – sowie ein Gebäude für Schul- und Wirtschaftsräume drücken sich an einen Hang. Die polnische Organisation OHP und der IB hatten das ehemalige Ferienheim gemeinsam für mehr als einer Millon DM umgebaut, bevor das deutsche und das polnische Erzieherteam vor zehn Jahren ihre gemeinsame Arbeit begannen. Ihr Konzept: Jugendhilfe – ganzheitlich, milieufern, interkulturell.
Für Katharina, Friederike (15) aus Stralsund, Stefani (17) aus Waren, Paul (16) aus Parchim und Konrad (16)* aus Güstrow, die derzeitigen
deutschen „Crash Kids“ des Integrationszentrums, ist das Konzept die letzte Chance, auf gerader Bahn ins Erwachsenenleben einzuschwenken. Alle fünf sind im Laufe ihres kurzen Lebens entweder direkt mit dem Gesetz in Konflikt geraden, oder sie standen dicht davor. In Pauls Heimatort hatte sich beispielsweise schon ein Polizist mit rotem Stift im Kalender markiert, wann der Junge 14 Jahre alt – also gesetzmündig - würde. Bis dahin hatte der schon 14 Straftaten begangen, für die er aber wegen seines Alters noch nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Kaum war der Geburtstag vorbei, folgte Straftat 15. Gródek oder Haftbefehl – diese Alternative war das einzige, was das Jugendamt für Paul noch tun konnte. Inzwischen zeigt sich: Paul hat sich offenbar richtig entschieden.



Ein bisschen Vater, ein bisschen Opa, ein bisschen Kumpel…

 

Norbert

Arbeit in der Werkstatt: Norbert Dorow und Stefanie* reparieren einen Sessel.

 

 

Dafür sorgen die derzeit vier engagierten Erzieher, deren Vita kaum unterschiedlicher sein kann: Der 42-jährige frühere Informatiker Kai Wallat aus Hamburg und der 54-jährige ehemalige DSR-Offizier für Schiffsbetriebsdienst Norbert Dorow aus Pasewalk sind bereits von Anfang an dabei, Paweł Wenecki , 28-jähriger Germanist mit Uni-Rekordabschluss aus Gródek , ergänzt das Team seit sieben Jahren. Komplettiert wird die „Stammbesatzung“ von der 24-jährigen angehenden Architektin Valerie Spallek aus Baden, die ein halbes soziales Jahr in Gródek absolviert. „Die Jugendlichen haben hier ein bisschen Vater, ein bisschen Opa, ein bisschen Kumpel“, schmunzelt Einrichtungsleiter Kai Wallat. Die drei Männer aus der Stammbesatzung sind zwei bis drei Wochen rund um die Uhr vor Ort, zwei Wochen Freizeit folgen jeweils. „Das hat den unschätzbaren Vorteil, dass die Jugendlichen in der Regel den gleichen Ansprechpartner haben“, preist der Familienvater einer neunjährigen Tochter und eines 15-jährigen Sohnes diese Diensteinteilung. Da könne sich keiner davor drücken, ein Problem auch bis zum Ende zu lösen.
Im Schnitt leben, lernen und arbeiten die die Jugendlichen zwei Jahre in Gródek. Ein Erfolgsrezept...? Wallat muss ein bisschen nachdenken. „Vielleicht so: „Hier wird jeden Morgen wieder bei null angefangen.“ Jeder werde respektiert, jede Arbeit anerkannt, Misserfolg nicht nachgetragen. Wenn die „Crash Kids“ ankommen, müssen sie sich zwar einem klar strukturierten Tagesablaufs unterwerfen, werden aber darüber hinaus weitgehend in Ruhe gelassen. Man beschnuppert sich gegenseitig, bestenfalls entsteht erstes Vertrauen. Wallats Schützlinge sind nicht eingesperrt, aber allein die Sprachbarrieren verhindern zunächst, dass sie sich beispielsweise Alkohol oder Drogen beschaffen, die strikt verboten sind.
Nach einiger Zeit übertragen die Erzieher ihren Zöglingen erste Arbeiten. Auch die Schule beginnt, Einzelunterricht nach einem speziellen Programm, das Paweł Wenecki konzipiert hat. „Tu‘s für mich“, heißt es da oftmals noch, auf wachsendes Vertrauen bauend. In der dritten Phase schließlich sollen die Kids ihre Aufgaben erledigen, „weil das eben so ist.“ Die Schule ist da für die meisten schon ein Bedürfnis geworden, obwohl sie häufig als Schulverweigerer nach Gródek gekommen sind.
Beeindruckt sind die „Immigranten“ in aller Regel von den Umgangsformen, die ihre polnischen „Leidensgenossen“ – durchweg Jungen – an den Tag legen. Auch sie stammen meistens aus schwierigen Familienverhältnissen, zeichnen sich aber fast alle durch sehr höfliche und respektvolle Umgangsformen aus.

 



Nur zur Hälfte genutzt

 

Paul

Renovierung in Eigenleistung: Paul* montiert Scheuerleisten.

 

 

Die Erfolgsquote spricht für sich: Von den bisher 45 Jugendlichen, die von den deutschen Jugendämtern ins Jugendhilfezentrum geschickt wurden, haben nur drei nach ihrem Aufenthalt keine Lehre oder Schule besucht. Zu Vielen hat das Team um Kai Wallat bis heute Kontakt, sei es über den Internetdienst Skype oder durch gegenseitige Besuche. Paul H., den das Jugendamt Altentreptow vor einigen Jahren nach Gródek geschickt hat, ist praktischerweise in Polen geblieben und arbeitet jetzt im Ratskeller der nahegelegenen Stadt Nowy Sącz.
Man möchte meinen, das Integrationszentrum könnte sich vor Bewerbungen nicht retten. Das Gegenteil ist der Fall: Zehn Plätze stehen zur Verfügung, nur fünf werden genutzt. „Das liegt an den hohen Kosten, die die Gemeinden tragen müssen“, erklärt sich Jugendamtsmitarbeiter Ulrich* aus der Region Mecklenburg die Situation. Das Geld ist so knapp, dass beispielsweise häufig Stellen in den Jugendämtern nicht neu besetzt werden, wenn Mitarbeiter ausscheiden. Ulrich ist davon überzeugt, „dass wir eher mehr solche Maßnahmen brauchen als etwa höhere Strafen, die sowieso nichts bewirken.“ Er hofft, dass sein Schützling, den er nach Gródek geschickt hat, nach seiner Rückkehr beweist, dass das Geld gut angelegt war.
Katharina wird im Sommer in ihre Heimat zurückkehren. In Gedanken spielt sie schon mal durch, wie sie ihre erste eigene Wohnung einrichten wird. Ihre Eltern wollen ihr dabei helfen. Beide haben inzwischen in Stralsund wieder einen Job gefunden. Der Stiefvater hat, so hört man, eine exzellentes Stilgefühl für Wohnungseinrichtungen. Katharina ist fest entschlossen, zuerst den Hauptschul- und dann den Realschulabschluss nachzuholen. Sie hat ein wenig Angst vor dem neuen Leben. Aber sie hat auch Träume. Die allerdings dürfe sie nicht verraten, „sonst gehen sie nicht in Erfüllung!“

Allgemein

 

 

Text und Fotos: Harald Mühle

Die Veröffentlichung und Weiterverwendung ist nur mit Zustimmung des Autors erlaubt.

 

 

 

 

 

 

* Namen geändert


 
Top